Wohnungsmarkt in Deutschland
Seit dem Jahr 2003 sinkt die Einwohnerzahl Deutschlands. 2008 war nach vorläufigen Berechnungen des Statistischen Bundesamtes der Rückgang etwas stärker als in den Vorjahren, weil sich der Sterbeüberschuss leicht erhöht hat und die zuvor schwach positive Wanderungsbilanz gegenüber dem Ausland nur noch ausgeglichen war. Trotzdem hat die Demografie vor allem wegen der kleinräumigen Bevölkerungsverschiebungen durch Binnenwanderungen in die prosperierenden Regionen und die Veränderung der Altersstruktur noch immer erheblichen Einfluss auf die Wohnimmobilienmärkte.
In den vergangenen Jahrzehnten bestimmten vor allem quantitative Erfordernisse den Wohnungsbau in Deutschland. Eine wachsende Bevölkerung und vor allem steigende Haushaltszahlen bestimmten den Wohnungsbedarf, der durch den Wohnungsbau zu decken war. Heute entscheiden zunehmend qualitative Aspekte über die Zukunftsfähigkeit von Neubau- und Bestandswohnungen. Die Ausdifferenzierung schreitet nicht nur regional voran (Regionen mit zunehmendem Leerstand einerseits und Regionen mit Wohnungsmangel andererseits), auch die unterschiedlichen Lebensstile formulieren zunehmend eigene Wohnvorstellungen, die auch über die Wohnung selbst (Grundriss, Gebäude, Außenanlagen, Umfeld usw.) realisiert werden sollen (Stichwort: Sinusmilieus). Weitere relevante Faktoren für die Anforderungen an den Wohnungsbau in der Zukunft sind die Klimaschutzziele und die Alterung der Bevölkerung.
In den letzten Jahren (seit 1995) wird die Verbesserung der Qualität des Wohnungsangebotes zunehmend über Sanierungen und Modernisierungen erreicht, während der Neubau stetig abnimmt, obwohl der Ersatz von Bestandsgebäuden durch Neubauten häufig die wirtschaftlichere Alternative wäre. Gerade in den Städten sind Altbauten jedoch gefragte Angebote.
Ob man den Wohnungsbau in Deutschland überhaupt noch fördern soll, ist zunehmend Gegenstand öffentlicher Debatten. Zumeist finden diese in der Fachöffentlichkeit statt, manchmal aber auch in den allgemeinen Informationsmedien. So hat sich der Spiegel in seinem Onlineangebot am 04.07.2009 mit der Frage beschäftigt, warum die Deutschen ein Volk von Mietern sind. Den Artikel finden Sie mit folgendem Link:
http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,633636,00.html
Die aktuelle Situation auf dem deutschen Wohnungsmarkt
Den deutschen Wohnungsmarkt gab und gibt es nicht. Ein Vergleich von Stendal und Stuttgart, von Magdeburg und München macht dies auch ohne viele Worte deutlich. Die Wohnungsmärkte sind zunächst regional determiniert, vor allem durch das jeweilige Arbeitsplatzangebot vor Ort. Die Menschen gehen dorthin, wo Arbeit ist.
Vor der Massenmotorisierung waren nah an den Arbeitsplätzen gelegene Wohnungen unabdingbar. Die Marktdurchdringung des PKW führte zu einer relativen Entkopplung von Arbeitsort und Wohnort. Je höher Qualifikation und Einkommen, umso stärker fallen Arbeits- und Wohnort auseinander. Gegenwärtig führt allerdings die Energiepreiserhöhung sowie die Diskussion um die Abschaffung der Pendlerpauschale in der Bevölkerung zum Umdenken. Der Arbeits- und der Wohnort wachsen wieder zusammen.
Auch innerhalb der regionalen Wohnungsmärkte gibt es Wohnungsangebote, die in keinerlei Konkurrenz zueinander stehen. Solcherlei Differenzierungen beziehen sich etwa auf unterschiedliche Größen, Ausstattungen, Lagen oder Eigentumsformen. Insgesamt finden sich unterschiedlichste Wohnungsmarktkonstellationen in den Regionen Deutschlands, aber auch deutliche Unterschiede zwischen verschiedenen Segmenten innerhalb einer Region oder sogar innerhalb einer Stadt.
Die Unterschiede zwischen den verschiedenen Regionen sind zwar immens, verhalten sich aber nicht wie kommunizierende Röhren. Sie gleichen sich nicht aus. Die Bevölkerung bleibt an die in den wirtschaftlich attraktiven Zentren gelegenen Arbeitsplätze gebunden, auch wenn man anderswo einfacher eine Wohnung findet. Eine Saldierung von Defiziten und Überhängen ist entsprechend nicht möglich, ohne zuvor die wirtschaftlichen Strukturen zu ändern.
Einwohner- und Haushaltszahlen
Wichtigster Faktor zur Prognostizierung des Wohnungsbedarfs ist die Entwicklung der Einwohner- und Haushaltszahlen. Dabei sind regional differenzierte Annahmen zu treffen.
Eine Abschätzung findet man in der Studie „Wohnungsmangel in Deutschland? Regionalisierter Wohnungsbedarf bis zum Jahr 2025“ aus dem März 2009. Sie ist als Kurzfassung im Internet mit folgendem Link abrufbar:
http://www.impulse-fuer-den-wohnungsbau.de/w/files/studien-etc/090317_zusammenfassung_studie-wohnungsmangel-in-deutschland.pdf
Die Langfassung mit allen regionalen Zahlen finden Sie mit folgendem Link:
http://www.impulse-fuer-den-wohnungsbau.de/w/files/studien-etc/090316_studie_bdb_dgfm_bfw_regional.pdf
Die Bevölkerungsentwicklung ist auch die Grundlage für die Entwicklung der privaten Haushalte in Deutschland. Über die Jahrzehnte war eine stetige und nur von der Phase starken Wohnungsmangels Anfang der 1990er Jahre unterbrochene Singularisierungstendenz erkennbar. Die Einwohnerzahl schrumpft wegen der niedrigen Geburtenhäufigkeit von der Basis her. Gleichzeitig nimmt die erwachsene Bevölkerung, die die Haushalte bildet, bis Mitte des kommenden Jahrzehnts noch zu und auch im Jahr 2025 liegt deren Zahl noch um 0,5 % über dem heutigen Wert. Zusätzlich ist die Singularisierung zu berücksichtigen. Beide Effekte zusammen führen dazu, dass die Zahl der privaten Haushalte noch um 4 % oder gut 1,5 Mio. ansteigt.
Wohnungsbauinvestitionen in Deutschland
Die Wohnungsbauinvestitionen in Deutschland haben im Jahr 2008 trotz beständig sinkender Neubauzahlen zum dritten Mal in Folge zugenommen. Rund 141 Milliarden EUR wurden 2008 in den Neubau sowie in die Modernisierung von Wohnungen investiert. Mit einem Plus von real 0,8 % fiel die Zunahme im Vergleich zu den an- deren Bausparten wie dem Hochbau von Nichtwohngebäuden (+8,2 %) oder dem Tiefbau (+1,8 %) allerdings gering aus. Dennoch stellt der Wohnungsbau mit einem Anteil von 56 % weiterhin das größte Teilsegment der Bauinvestitionen in Deutschland.
Im Wohnungsbau sind Maßnahmen am Gebäudebestand mittlerweile die bestimmende Größe und das dynamischste Wachstumsfeld. Lagen die bestandsbezogenen Bauleistungen im Jahr 2000 noch bei 58 % der gesamten Wohnungsbauinvestitionen in Deutschland, ermittelte das DIW für 2008 bereits einen Anteil von 78 %.
Im Jahr 2008 wurden in Deutschland rund 176.000 Wohnungen neu gebaut. Das waren 16,5 % oder 39.000 Wohnungen weniger als im Vorjahr. Dies ist die niedrigste Zahl an Fertigstellungen in der Nachkriegsgeschichte. Die Neubautätigkeit sank bei den Ein- und Zweifamilienhäusern am deutlichsten. Hier wurden rund 28.000 Einheiten weniger als im Vorjahr fertiggestellt. Dies entspricht einem Rückgang um 22,3 %.
Die Entwicklungen für das erste Halbjahr 2009 lassen einen weiteren Rückgang der Baufertigstellungen erwarten. Im laufenden Jahr dürften schätzungsweise nur noch 162.000 Wohnungen neu errichtet werden.
Legt man die Prognosen des Bundesinstitutes für Bau-, Stadt- und Raum- forschung (BBSR) für den Wohnungsbedarf bis 2020 zugrunde, entstehen seit 2005 im Neubau von Mehrfamilienhäusern pro Jahr rund 60.000 Wohnungen weniger als mittelfristig benötigt. Dieses Wohnungsdefizit summiert sich im Jahr 2009 bereits auf über 300.000 Wohnungen.
Wohnungsneubau in Deutschland
Seit dem Jahr 1995 geht der Wohnungsneubau in Deutschland rasant und stetig zurück. Die Wohnungsmärkte waren in der ersten Hälfte der 1990er Jahre von einer durch die enormen Zuzüge aus dem Osten und die parallel ablaufende Haushaltsgründung der geburtenstarken Jahrgänge aus den 1960er Jahren, den sogenannten „Babyboomern“, verursachte starke Übernachfrage geprägt. Der Wohnungsneubau reagierte mit einer deutlichen Zeitverzögerung und erreichte erst 1994 seinen höchsten Wert, als der demographische Druck schon wieder abnahm. Insgesamt erreichte der Wohnungsneubau trotz der stark ausgeprägten demografischen Einflüsse nicht die Spitzenwerte der Wiederaufbauphase nach dem Krieg. Die höchste Zahl an Wohnungsfertigstellungen wurde „gesamtdeutsch“ im Jahre 1973 mit über 800.000 Wohnungen erreicht. Mitte der 90-er-Jahre waren es dann nochmals gut 600.000 Wohnungen, die jährlich neu gebaut wurden. Danach folgte der Absturz der Bautätigkeit auf das niedrigste Niveau seit den 1950er Jahren. Der Wohnungsneubau verringerte sich innerhalb nur gut einer Dekade um zwei Drittel. Da die Zahl der Baugenehmigungen für Wohnungen sowohl 2007 als auch 2008 gegenüber dem jeweiligen Vorjahr weiter rückläufig war, ist auch für die Jahre 2008 und 2009 mit einer Fortsetzung dieses Trends zu rechnen. Für die Jahre 2008 und 2009 sind die niedrigsten Fertigstellungszahlen der letzten 50 Jahre zu erwarten. Die nachfolgende Abbildung verdeutlicht diese Entwicklung.
Einerseits ging das Neubauvolumen stark zurück. Andererseits fand eine Verlagerung der Wohnungsbautätigkeit in den Bestand statt. Betrachtet man die Zeit zwischen dem Jahr 2000 und dem Jahr 2007 und stellt auf das insgesamt im Wohnungsbau realisierte wertmäßige Bauvolumen ab, so zeigt sich, das sich die Zahl der Wohnungsfertigstellungen vom Jahr 2000 bis zum Jahr 2007 etwa halbierte, das wertmäßige Bauvolumen jedoch lediglich um rund 16 % zurückging. Parallel zum Rückgang des Neubaus erfolgte also eine starke Verlagerung vom Neubau zu Baumaßnahmen an bestehenden Gebäuden. Dies zeigt die nachfolgende Abbildung:
Wie das Statistische Bundesamt am 06.07.2009 mitteilte, wurden im Jahr 2008 in Deutschland tatsächlich nur noch 176.000 Wohnungen fertig gestellt. Das waren 16,5% oder 39.000 Wohnungen weniger als im Vorjahr. Seit 1995, als mit knapp 603 000 Wohneinheiten ein Höchststand erreicht wurde, ging die Zahl der jährlich fertig gestellten Wohnungen um mehr als 70% zurück. Von den 176.000 fertiggestellten Wohnungen waren 152.200 Neubauwohnungen in Wohngebäuden, das waren 17,8% weniger als im Jahr 2007. Dabei lag der Rückgang der Fertigstellungen von Einfamilienhäusern bei 22,0% und der von Wohnungen in Zweifamilienhäusern bei 23,6%. In Mehrfamilienhäusern wurden 8,8% weniger Wohnungen fertig gestellt als 2007.
Der Wohnungsneubau hat 2008 damit einen absoluten Rekordtiefstand erreicht. Es ist zu erwarten, dass die Fertigstellungszahlen noch weiter sinken. In dem für Mieter und für Ballungszentren so wichtigen Mehrfamilienhausbereich sind 2008 nur noch 54.615 Einheiten neu gebaut worden.
Mit Blick auf die aktuellen Wohnungsbaugenehmigungszahlen fürchtet der Deutschen Mieterbund, dass sich die Zahlen 2009 weiter verschlechtern. 2008 wurden nämlich im Vergleich zu 2007 rund 4 Prozent weniger Wohnungen neu genehmigt. Das bedeutet, dass 2009 voraussichtlich noch einmal deutlich weniger Wohnungen fertiggestellt werden als 2008. Der Deutsche Mieterbund fordert die Bundesregierung daher auf, Förderinstrumente zu entwickeln, mit denen der Wohnungsneubau insbesondere in Ballungszentren und Universitätsstädten wieder angekurbelt werden kann. Die Zahlen des Statistischen Bundesamtes zeigt die nachfolgende Abbildung.
Mit dieser Entwicklung befassen sich mittlerweile auch schon die allgemeinen Medien. So hat der Spiegel am 06.07.2009 einen Artikel mit der Überschrift „Wohnungsbau stürzt auf historischen Tiefstand“ veröffentlicht. Sie finden ihn mit folgendem Link:
http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,634514,00.html
Neubaubedarf in Deutschland
Eine kürzlich vorgelegte Studie „Wirtschaftliche Auswirkungen des Wohnungsneubaus in Deutschland“ , die im Auftrag des Bundesverbands Deutscher Baustoff-Fachhandel e.V., der Deutschen Gesellschaft für Mauerwerksbau e.V. und dem BFW Bundesverband Freier Immobilien- und Wohnungsunternehmen e.V. durch das Pestel-Institut erstellt wurde, ergab für 2008 einen Neubau von rund 150.000 Wohnungen, nämlich 90.000 Wohnungen in Ein- und Zweifamilienhäusern sowie von rund 60.000 Geschosswohnungen. Nach institutseigenen Berechnungen wäre aber ein Neubau-Volumen von 190.000 Einfamilienhäusern und 210.000 neuen Geschosswohnungen notwendig, um den Bedarf zu decken, insgesamt also 400.000 Wohnungen. Nach einer Umfrage der Landesbausparkassen (LBS) sähen die meisten Forschungsinstitute in Deutschland den Neubaubedarf zwischen 270.000 und 350.000 Wohnungen pro Jahr. Die These, dass der gegenwärtige Ersatz von nicht mehr den heutigen Anforderungen entsprechenden Wohngebäuden bei weitem nicht ausreichend ist, werde von der Mehrzahl der Experten geteilt.
Bei der klassischen Wohnungsbedarfsberechnung soll
- jeder Haushalt eine Wohnung beziehen können,
- eine ausreichende Fluktuationsreserve eingehalten werden,
- die Zahl der Untermietverhältnisse gesenkt werden und
- die Zahl an Zweit- und Freizeitwohnungen beachtet werden.
Der Wohnungsbedarf orientiert sich also an definierten Bedürfnissen, und damit nicht ab den finanziellen Möglichkeiten.
Der Bedarf ergibt sich einerseits aus Wohnungsabgängen, nach wie vor ist die wesentliche Bedarfskomponente aber die zunehmende Zahl an Haushalten. Der statistisch festgestellte Abgang betrug im Durchschnitt der vergangenen drei Jahre in Westdeutschland gut 16.000 und in Ostdeutschland knapp 32.000 Wohnungen pro Jahr. Daraus errechnen sich Abgangsraten von 0,05 % für Westdeutschland und 0,4 % für Ostdeutschland.
Insgesamt errechnet sich daraus ein überwiegend demografisch begründeter Wohnungsbedarf, der mit ansteigender Zuwanderung in den Jahren 2011 bis 2013 gut 250.000 Wohnungen pro Jahr erreicht und dann später auf rund 150.000 Wohnungen im Jahr 2025 absinkt. Bei diesem Bedarf wurden nur die positiven regionalen Bedarfe zusammengezählt. Es erfolgte keine Verrechnung zwischen positiven und negativen Bedarfen. Einzelheiten sind erkennbar aus der nachfolgenden Grafik:
Hinzu kommt dann noch ein qualitativ begründeter Neubaubedarf, auf den im nächsten Abschnitt noch näher eingegangen wird.
Der Gesamtbedarf, die Summe aus demografisch bedingtem und qualitativem Bedarf, liegt damit in den nächsten Jahren nach den Ausführungen der Autoren der Pestel-Studie bei rund 400.000 Wohnungen pro Jahr. Da gegenwärtig bereits der demografisch abgeleitete Wohnungsbedarf nicht mehr von der Bautätigkeit abgedeckt wird, vergrößert sich die Lücke zwischen Bedarf und Bautätigkeit bei Einbeziehung der qualitativen Komponente erheblich. Dem Neubaubedarf von aktuell 400.000 Wohnungen steht eine Bautätigkeit von weniger als 200.000 Wohnungen gegenüber. Spürbar sei die neue Wohnungsknappheit inzwischen in nahezu allen Großstädten. Halte diese niedrige Neubautätigkeit an, werde sich die regional bestehenden Wohnungsknappheit verschärfen und in gegenwärtig ausgeglichenen Märkten werden neue Knappheiten entstehen. Auch den Anforderungen aus der Alterung der Bevölkerung und durch den Klimaschutz
könne der Wohnungsbestand ohne verstärkten Neubau nicht gerecht werden.
Wenn die Wohnungspolitik nicht reagiert, werde sich die Qualität des Wohnens für breite Schichten der Bevölkerung nicht halten lassen.
Die gegenwärtigen Rahmenbedingungen des Wohnungsmarktes wie Mietrecht, Abschreibungsmöglichkeiten bis hin zur Förderung der Eigentumsbildung und die Einschätzung der demografischen Entwicklung liessen allerdings aktuell offensichtlich nur den Neubau von deutlich weniger als 200.000 Wohnungen im Jahr ausreichend attraktiv erscheinen.
Qualitative Anforderungen an den Wohnungsneubau
Die in der Vergangenheit sehr niedrigen Wohnungsabgangsraten müssen immer auch im Zusammenhang mit dem durch den starken Wohnungsbau der Wiederaufbauphase nach dem 2. Weltkrieg jungen Wohnungsbestand gesehen werden. So lagen die Schwerpunkte der Wohnungspolitik lange Zeit in der quantitativen Versorgung der wachsenden Bevölkerung und in der Modernisierung von Altbauten, insbesondere in den Bereichen Sanitär und Heizung. In der DDR stand ausschließlich der Neubau von Plattenbauwohungen im Fokus der Politik, eine Bestandsmodernisierung fand bis zur Wende kaum statt.
Inzwischen sind die Wohnungen der Wiederaufbauphase in die Jahre gekommen und auch viele der in den 1970er Jahren errichteten Geschosswohnungsbauten in den westdeutschen und Berliner Großsiedlungen werden bereits seit längerem vor allem hinsichtlich ihrer sozialen Nachhaltigkeit hinterfragt. Sie passen oft nicht mehr zu den heutigen Lebensstilen und es stellt sich die Frage, ob sie sich mit vertretbarem Aufwand den heutigen Anforderungen anpassen lassen.
Als diese Wohnungen gebaut wurden, bestand eine Übereinstimmung zwischen den durch sie ermöglichten Lebensstilen und -formen und der Lebenswirklichkeit ihrer Bewohner. Die Wohnungen wurden gebaut und gefördert für die so genannte Standard-Familie mit einem geregelten und gesicherten Haushaltseinkommen. Die Förderkriterien sorgten dafür, dass eine bestimmte soziale Homogenität herrschte, was sich wiederum positiv auf das soziale Zusammenleben auswirkte. Städtebaulich und architektonisch wurde ein egalisierendes Gesellschaftsmodell gebaut: große Freiräume mit integrierter, in der Regel guter Infrastruktur, gleich große, gut ausgestattete „moderne” Wohnungen. Auftraggeber waren meist kommunale, genossenschaftliche oder auch konzerngebundene und andere private Wohnungsunternehmen, die auch eine professionelle und geregelte Verwaltung sicher stellten.
Diesem Modell sind mit dem Strukturwandel (demografisch - Alterung und Migrationen unterschiedlicher Art; wirtschaftlich, soziologisch - Haushalts- und Lebensformen und Lebensstile) wichtige Grundlagen entzogen worden. Es besteht häufig keine Kompatibilität mehr zwischen Sozialem, Wirtschaftlichem, Mentalem und Gebautem.
Neue Lösungen sind differenziert zu entwickeln. Zwar gleichen sich die Neubausiedlungen strukturell und äußerlich von Nord bis Süd weitgehend, aber dennoch kann es keine pauschalen Lösungen geben. So finden in München Wohnungen einfachster Art neue Kunden bis in die Mittelschicht, weil sich erstens deren Zahlungsfähigkeiten geändert haben, vor allem aber, weil die Lage der Wohnungen Zahlungsfähigkeiten geändert haben, vor allem aber, weil die Lage der Wohnungen inzwischen oft zu einer Bestlage geworden ist. Praktisch gleiche Wohnungen hingegen stehen andernorts leer.
Die Autoren der Pestel-Studie befassen sich auch mit der Frage, wie solche Lösungen aussehen könnten. Neben den üblichen und bekannten Anpassungs- und Sanierungsmaßnahmen plädieren sie für radikale Lösungen, nämlich abreißen und neu bauen. Nachdem in Ostdeutschland bereits aktiv der Abriss von Wohnungen forciert wurde, müsse dieses Tabu-Thema auch für Westdeutschland entdämonisiert werden. Auch wir Deutschen bauten offensichtlich nicht für die Ewigkeit. Spreche man mit Technikern von Wohnungsunternehmen, so werde von diesen häufig die Variante Abriss und Neubau gegenüber der Lösung Sanierung und Modernisierung bevorzugt, weil im Neubau die heutigen, differenzierten Anforderungen am besten erfüllt werden könnten und im Falle der Sanierung nach wie vor ein altes Gebäude mit zum Teil unabänderlichen Schwächen etwa im Schallschutz oder bei den Raumhöhen erhalten bleibe. Obwohl auch die Kosten häufig eher für Abriss und Neubau sprächen, seien wir nach wie vor ein Volk der Sanierer und Modernisierer. In der Tat weiß man aus manchen Diskussionen in den Gebieten des Stadtumbaus, dass der Abriss von Häusern mit dem Wegwerfen von Lebensmitteln gleichgesetzt wird. So etwas macht man einfach nicht. Da auch das Mietrecht mit seinem restriktiven Mängelbegriff hier keine Verbesserung verspricht, sind politische Entscheidungen gefordert.
Pestel schätzt eine Größenordnung von rund 4 Mio. Wohnungen, die aus qualitativen Gründen durch Neubauten ersetzt werden sollten. Dies sind gut 10 % des gesamten Wohnungsbestandes. Da der größte Teil dieser Wohnungen gegenwärtig noch genutzt wird, müsse der Bestandsersatz durch Neubauten über einen größeren Zeitraum von z. B. 20 Jahren verteilt werden. Daraus errechne sich ein jährlicher qualitativer Zusatzbedarf in Höhe von 200.000 Wohnungen.
Volkswirtschaftliche Effekte des Wohnungsneubaus
Mit einer Steigerung dieser Zahl könnten beachtliche gesamtwirtschaftliche Effekte ausgelöst werden. Dazu rechnet das Institut die Beschäftigungs- und Staatseinnahmeneffekte aus, die ein Wohnungsbau in ausreichendem Umfang hätte. Würden in Deutschland Wohnungen entsprechend dem tatsächlichen Bedarf gebaut, würde dies rund 745.000 Arbeitsplätze in der Bauindustrie schaffen und dem Staat Mehr-Einnahmen von 20 Milliarden Euro bescheren.
Laut Pestel-Institut führt die Errichtung eines durchschnittlichen Einfamilienhauses zu einer Vollzeitbeschäftigung von vier Arbeitnehmern für ein Jahr. Der Bau einer Geschosswohnung beschäftigt 2,3 Vollzeit-Kräfte für ein Jahr. Um zu ermitteln, welche Steuern und Sozialabgaben dem Staat durch den Wohnungsneubau zufließen, verwendet das Institut eine Überschlagsbetrachtung. Sie bezieht zum einen die Mehrwertsteuer auf die Bauleistung sowie die Grunderwerbssteuer ein. Zum anderen berücksichtigt sie die aus der Beschäftigung erwachsenden Einkommenssteuerzuflüsse und Sozialabgaben.
Danach führt das gegenwärtige Neubauvolumen zur Beschäftigung von rund 500.000 Arbeitskräften und zu Einnahmen des Staates und der Sozialsysteme von rund 13 Milliarden Euro jährlich. Würde der Neubau auf das Niveau von 190.000 Einfamilienhäusern und 210.000 Geschosswohnungen erhöht, so würde dies knapp 1,25 Millionen Menschen Arbeit verschaffen, was bedeutet, dass 745.000 neue Arbeitsplätze in der Bauindustrie entstehen würden. Staat und Sozialsystemen würden zusätzliche Einnahmen von rund 20 Milliarden Euro verbuchen, die Gesamtsumme der Steuereinnahmen und Sozialabgaben aus dem Baubereich würde damit auf 33 Milliarden Euro steigen.
Die gesamte Studie finden Sie im Web mit folgendem Link:
http://www.impulse-fuer-den-wohnungsbau.de/w/files/studien-etc/pestel-institut_-wirtschaftliche-bedeutung-des-wohnungsneubaus.pdf
letzte Änderung am 16.01.2010
