Großsiedlungen
Die Berliner Stadtlandschaft wird seit Jahrzehnten durch Großsiedlungen in Ost und West geprägt. Nähere Informationen dazu findet man in dem entsprechenden Fachbeitrag bei Wikipedia:
http://de.wikipedia.org/wiki/Großwohnsiedlung#Berlin
Die Großsiedlungen galten in den 60er und 70er Jahren als die Wohnform der Zukunft. Durch die industrielle Bauweise mit der Vorfertigung wesentlicher Komponenten in Fabriken und die hohe Verdichtung auch in Stadtrandlagen, die sonst üblicherweise den Siedlungsgebieten vorbehalten sind, konnte in den Großsiedlungen breiten Bevölkerungsschichten ein modernes, komfortables und dennoch kostengünstiges Wohnen ermöglicht werden. In wesentlichen Teilen jedenfalls im Westen der Stadt bestehen die Großsiedlungen aus Gebäuden des sozialen Wohnungsbaues.
Seither sind sie jedoch in die Jahre gekommen und in großen Teilen baulich und strukturell modernisierungsbedürftig. Der Zahn der Zeit hat nicht nur am Beton genagt, sondern ebenso zu einem negativen Image der meisten Großsiedlungen geführt.
Probleme
Zum Zeitpunkt Ihrer Entstehung waren die Großsiedlungen für viele attraktiv, die sich kein eigenes Haus leisten konnten und die die in hohem Maße sanierungsbedürftigen Altbauquartiere mieden. Arbeiter und Angestellte zogen dort ein, junge Familien oder auch Studierende. Die Zeiten haben sich jedoch geändert. Insbesondere haben auch die Altbauquartiere durch eine behutsame Sanierung an Attraktivität gewonnen, was man gerade am stürmischen Erfolg mancher zentralen Lagen (Prenzlauer Berg) nach der Wende ablesen kann.
Der BBU hat vor einiger Zeit ein Siedlungsforum zum Thema durchgeführt, dass mehrere Problemfelder identifiziert hat:
Schwindende Mittelschicht
In den Berliner Großsiedlungen wird bei den Neumietern ein ständiger Rückgang des Anteils von Mittelschichthaushalten mit einem Monatseinkommen von mehr als 750 € registriert. Im Gegenzug sinkt der Anteil der Haushalte mit einem verfügbaren Einkommen von mehr als 1.750 €. Über die Jahre verändert sich so durch diese Neumieterstruktur die Gesamtstruktur in den Großsiedlungen. Sie werden zu Ballungsräumen von Menschen mit niedrigem Einkommen mit den entsprechenden Auswirkungen auch auf den Handel.
Demografischer Wandel
Wie auch sonst in der Bewohnerschaft der Stadt schreitet in den Großsiedlungen die Überalterung (oder Unterjungung) der Mieterschaft voran. In einigen Bereichen der Großsiedlungen beträgt der Anteil der über 60-jährgen Haushaltsvorstände schon über 50 %.
Wohnbegleitende Dienstleistungen bergen hier große Potentiale, um die Großsiedlungen für die Älteren auch weiterhin attraktiv zu machen und zugleich neue Potentiale beispielsweise für junge Familien zu eröffnen. Dies geht in hoch verdichteten Siedlungsformen in der Regel am besten.
Veränderung der Lebensstile
Die Lebensstile vieler gerade auch berufstätiger Menschen haben sich in den vergangenen Jahren geändert. Diesen geänderten Lebensstilen werden die Großsiedlungen nicht immer gerecht. Kleine Bäder und Küchen, kleine Kinderzimmer und verschachtelte Grundrisse werden von modernen Singlehaushalten, Alleinerziehenden oder Senioren immer weniger nachgefragt. Dazu kommen die Auswirkungen der Energieverteuerung, die das Leben an der Peripherie, wo die meisten Großsiedlungen in Berlin liegen, gerade für Menschen mit schmalem Geldbeutel zunehmend unattraktiv macht.
Hier müßte zukünftig bei Umbauten auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der verschiedenen Zielgruppen Rücksicht genommen werden. Eine frühzeitige und umfassende Beteiligung der Mieterschaft bzw. der Mietinteressen sichert in diesem Zusammenhang zielgenaue Konzepte.
Wachsender Zuzug von Migrationshaushalten
Da in den Großsiedlungen, die ursprünglich in großen Teilen für junge Familien konzipiert waren, vermehrt größere Wohnungen leerstehen, kommt es zu einem verstärkten Zuzug von Migrationshaushalten. Diese räumliche Konzentration führt häufig zu Konflikten.
Chancen
Für die Wohnraumversorgung der Zukunft sind die Großsiedlungen aber weiterhin dringend notwendig. Ihre Modernisierung muss daher vorangetrieben werden.
Angesichts der andauernd niedrigen Neubauleistung in Deutschland, gerade auch in Berlin, ist die Erhaltung und Weiterentwicklung der Großsiedlungen allen Problemen zum Trotz unumgänglich. Sie bieten auch viele Potentiale im Hinblick auf energiesparendes Wohnen, die Wohnraumanpassung und zusätzliche wohnungsnahe Dienstleistungen, die allerdings bei weitem noch nicht ausgeschöpft werden.
Die vielen Vorteile modernisierter Großsiedlungen werden in der öffentlichen Wahrnehmung oft von ihrem negativen Image überdeckt. Ein prägnantes Beispiel dafür ist Marzahn, dass zwar eine hohe Binnenzufriedenheit der Bewohner aufweist, nach außen hin aber geradezu als Schimpfwort gebraucht werden kann. Man denke nur an die unüberlegten Ausfälle eines Herrn Poschmann während der Leichtathletik-WM in Berlin. Hier ist ein professionelles Standortmarketing unumgänglich, dass gemeinsam von den kommunalen Stellen und den Wohnungsunternehmen getragen wird und das darauf abzielt, die Großsiedlungen mit ihren Vorzügen in der Breite bekannt zu machen, aber auch die Identifizierung der Bewohner mit ihrem Quartier zu unterstützen.
Überhaupt ist die institutionalisierte Zusammenarbeit zwischen der Kommune und den Wohnungsunternehmen und ihren Mietern einer der wichtigsten Punkte bei der Modernisierung der Großsiedlungen. Wie der BBU Schreibt: “Weiterentwicklungsanstrengungen können nur fruchten, wenn sie von tragfähigen Stadtentwicklungskonzepten flankiert werden. Gute Schulen, attraktive Freiflächen, Angebote für Kinder und Jugendliche oder die Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr sind dabei wesentliche Kriterien bei der Ansiedlung junger Familien.“
letzte Änderung am 22.10.2009
